Zurück

Landwirtschaft in der Valposchiavo

Hinter dem imposanten Berninamassiv liegt die Valposchiavo, ein italienischsprachiges Südtal im Kanton Graubünden, welches sich vom Bernina Hospiz (2338 m ü. M) bis zum Grenzdorf Campocologno (535 m ü. M) über eine Distanz von 25 km erstreckt. Erschlossen ist das Tal mit der Berninabahn, welche gemeinsam mit der Albulalinie im Jahr 2008 in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Mit der Verleihung des Titels wurde ein grosser Teil der Valposchiavo zur UNESCO-Pufferzone erklärt, die dazu dient, die Landschaft vor negativen natürlichen und anthropogenen Einflüssen zu schützen. Eine umweltbewusste Bewirtschaftung gewinnt in dieser Landschaft dementsprechend an Bedeutung.

Heute werden in der Valposchiavo über 90 % der Agrarflächen von bio-zertifizierten Betrieben bewirtschaftet. Ein derart hoher Bio-Anteil ist schweizweit und auch weltweit sehr selten. Die Puschlaver Landwirtschaft hat sich bereits sehr früh für eine biologische Produktion entschieden. Bei einem Besuch im Tal wird schnell klar, dass für die lokale, typische Stufenlandwirtschaft eine Bewirtschaftung nach biologischen Grundsätzen am besten geeignet ist.

Die nach Bio-Richtlinien produzierten Güter werden schon heute weitgehend im Tal weiterverarbeitet. Verschiedene Verarbeitungsbetriebe für Milch, Fleisch, Getreide, (Heil-)Kräuter und Früchte sind im Tal vorhanden und die Endprodukte können in ausgewählten Hotels, Restaurants und Läden erworben werden. Das Puschlav ist zweifellos auch für seine lebendige kulinarische Tradition bekannt wie z. B. die Pizzoccheri oder die Brasciadela (Roggenringbrot mit Anis). 

Damit die Betriebe konkurrenzfähig bleiben, muss die Wertschöpfungskette für Bioprodukte im Tal jedoch noch weiter ausgebaut und optimiert werden. Ausserdem fehlt ein integriertes Vermarktungskonzept, welches den Konsumentinnen und Konsumenten die lokalen Biospezialitäten in ihrer sehr breiten Palette präsentiert.

Die Bauernverbände von Brusio und Poschiavo, der Gewerbeverband Valposchiavo und die lokale Tourismusorganisation haben sich zusammengeschlossen und gemeinsam das Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE) «100 % (bio) Valposchiavo» lanciert. Das Projekt befindet sich seit Anfang 2020 in der Umsetzungsphase.

Ziele des Projekts

Mit dem Projekt wird dem Verlust an potenzieller Wertschöpfung lokaler Biorohprodukte infolge unvollständiger Verarbeitungsmöglichkeiten entgegengewirkt. Der Anteil an landwirtschaftlichen Flächen, die nach den Bio-Suisse-Richtlinien bewirtschaftet werden, soll auf 100 % erhöht werden. Zugleich wird die Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft und der lokalen Hotellerie und Gastronomie gestärkt, damit Gäste eine breite Auswahl an Bioprodukten direkt vor Ort konsumieren können. Durch eine gezielte Marketing- und Kommunikationsstrategie, in Zusammenarbeit mit dem Turismo Valposchiavo, werden zudem die Produkte bestmöglich auf dem Markt positioniert. Das Projekt soll den betrieblichen Erfolg der beteiligten Betriebe im Tal verbessern. Dank optimierten Infrastrukturen und Betriebsprozessen werden die Einnahmen der Landwirtschafts- und Verarbeitungsbetriebe erhöht und gleichzeitig die operativen Kosten gesenkt. 

Projektorganisation

Träger des Projektes sind elf Betriebe, die Produkte für den lokalen Markt herstellen und/oder verarbeiten. Teil des Projektes ist auch die Schaffung einer gemeinsamen Vermarktungsplattform «100 % (bio) Valposchiavo».
 

Zoom: ab2020_poschiavo_abbildung1.jpg

Überblick über die Betriebe und die geplanten Massnahmen im Rahmen des PRE 100% (bio) Valposchiavo.


Im unteren Teil des Tals wird dank der Erweiterung der Lagerzellen und der Professionalisierung der Früchte- und Beerenverarbeitung die Obst- und Beerenproduktion optimiert. Die Wertschöpfungskette eines Kräuterproduzenten wird durch eine moderne Trocknungsanlage vervollständigt. Im Weiteren soll die Getreideproduktion, welche in den letzten 40 Jahren praktisch aus dem Tal verschwunden ist, mit einer Getreidesammelstelle bei der Molino & Pastificio SA (Mühle) wiederbelebt werden. Bereits heute werden wieder Roggen, Dinkel, Gerste, Hafer und Buchweizen auf einer Fläche von 10 ha angebaut. Seit 2019 wird wieder eine Brasciadela mit einheimischen Roggen angeboten. Mit der Sammelstelle können die Anbauflächen auf über 20 ha erhöht werden. Auch die Gemüseproduktion wird dank der zunehmenden Nachfrage der Hotels und Gastronomiebetriebe vergrössert und professionalisiert. Punktuelle Eingriffe erfolgen auch in den Fleisch- und Milchwertschöpfungsketten. Das Projekt umfasst aber auch Punkte aus dem sozialen Bereich, wie das geplante Angebot auf dem Hof Li Taiadi, wo Kinder oder Erwachsene in schwierigen Lebensphasen die Möglichkeit haben, sich eine Auszeit zu nehmen und professionell betreut werden. 

Zwischen den Betrieben bestehen grosse Unterschiede hinsichtlich der Vermarktung. Einige Betriebe beliefern bereits seit Jahren den Gross- und Detailhandel, andere hingegen haben noch keine bedeutenden Verkaufskanäle aufgebaut. Mit dem umfassenden Vermarktungskonzept will man in Zukunft die ganze Palette an Produkten aus dem Tal gemeinsam vermarkten und vertreiben.

Damit die Puschlaver Produkte vor Ort konsumiert werden können, haben sich zwölf Gast- und Hotelbetriebe im Tal zusammengeschlossen und gemeinsam die Charta «100 % Valposchiavo» unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, in ihren Menüs einheimische Produkte zu verwenden und deren Verkauf zu fördern. 

Das Projekt wird von der «Associazione 100 % (bio) Valposchiavo» getragen, ein Verein, der alle Teilprojekte sowie das Valposchiavo Turismo einschliesst. Der Verein übernimmt die strategischen Aufgaben innerhalb des Projekts und wird während den nächsten Jahren von einem Geschäftsführer im operativen Bereich unterstützt. 

Die Zukunft eines Tales sichern

Dieses Projekt zeigt eine sehr interessante und innovative Lösung, wie man die Landwirtschaft, die Verarbeitungsbetriebe, aber auch die Hotellerie, den Tourismus und das Gewerbe einer Region geschickt positionieren und deren Produkte in Wert setzen kann. Von grosser Bedeutung ist das Gesamtkonzept für das ganze Tal, welches die oben genannten wichtigen Akteure für die wirtschaftliche Entwicklung miteinbezieht. Durch die gezielten Investitionen werden die Voraussetzungen für eine nachhaltige und konkurrenzfähige Landwirtschaft in der Valposchiavo geschaffen und vor allem wird sichergestellt, dass die gesamte Verarbeitungskette und damit deren Wertschöpfung im Tal bleiben.

Durch die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Betrieben werden zudem die Ressourcen und Kosten optimiert sowie eine effizientere Produktion geschaffen. Mit dieser breit getragenen Strategie und dem Instrument «Projekt zur regionalen Entwicklung (PRE)» hat sich die Valposchiavo für die Zukunft gerüstet.
 

Gian Andrea Pola, Amt für Landwirtschaft und Geoinformation, Chur, gianandrea.pola@alg.gr.ch

Facebook Twitter